Tinnitus - Ursachen und Therapie

02.07.2016 00:00

Wenn es im Ohr klingelt... ... dann denkt gerade jemand an dich, heißt es. Tinnitus-Patienten können über solche Volksweisheiten leider wenig lachen, denn quälende Ohrgeräusche (lat. tinnire=klingen, klingeln, erklingen) machen ihnen das Leben schwer - oft sogar noch in der Nacht, denn unser Hörsinn macht keine Pausen.

"Es ist einfach immer da, ich muss halt versuchen, es mir irgendwie wegzudenken." So schildert ein Betroffener sein Leben mit der Diagnose Tinnitus. Gemeint sind Ohrgeräusche, die nur der Betroffene allein für sich wahrnimmt. Ganz so, als ob sich eine unsichtbare Stimmgabel in seinem Ohr und Kopf ständig in Schwingung befände: Die für den Patienten sehr unangenehmen Geräusche können tonal (als nach Höhe und Frequenz bestimmbarer Ton) oder als nicht genauer bestimm- und beschreibbaren Rauschen, Surren, Klirren oder ähnliche unangenehme "Störgeräusche" wahrgenommen werden.

Martin Luther, Komponisten wie Ludwig van Beethoven oder Robert Schumann, der französische Philosoph Jean-Jaques Rousseau sowie die Maler Vincent van Gogh und Francisco Goya litten schon sehr unter den undefinierbaren Ohrgeräuschen und versuchten teilweise, ihre Qual in ihren Werken zu verarbeiten: Schräge Töne und dunkle oder verstörend wirkende Farben lassen nur erahnen, wie sich ein ausgeprägter Tinnitus anfühlt.

Neu ist das Krankheitsbild also keinesfalls: Medizinische Aufzeichnungen machen klar, dass schon Schriften aus Babylon oder Indien -also bereits bis zu 1500 Jahre vor Christus- das beschreiben, was nach Schätzungen heute jeder Vierte als Tinnitus kennt. Auch der griechische Arzt Hippokrates hat das Phänomen bereits für die Nachwelt dokumentiert, Platon und Pythagoras sollen dagegen von "kosmischer Musik" gesprochen haben. "Metallische Klänge, wie auf drei Frequenzen gleichzeitig" beschreibt eine Patientin, was immer mal wieder und ohne ankündigende Warnzeichen in einem Ohr los ist.

Obwohl Tinnitus also weder eine Einbildung noch ein neumodisches Phänomen ist, treten die Ohrgeräusche dennoch in den westlichen Industriestaaten seit mehreren Jahrzehnten deutlich verstärkt in Erscheinung.

Mit beteiligt daran dürfte wohl die rasante und vielfältige Entwicklung unseres Alltags sein: "Multitasking" ist beinahe wörtlich ein andauerndes "Senden und Empfangen auf allen Kanälen" geworden. Wir sind alle sozusagen dauernd "ganz Ohr" - und genau das spiegelt sich leider immer häufiger auch in unserem Hörvermögen wider.

Tinnitus-Anatomie

Das Ohr arbeitet, wie alle anderen Sinnesorgane des Menschen auch, pausenlos, rund um die Uhr. Wer weiß schließlich schon, wann man ein wichtiges Geräusch auch in der Nacht und sogar als Unterbrechung unserer notwendigen Nachtruhe dringend wahrnehmen muss?

Leider meldet sich der Tinnitus in Form von Rauschen, Pfeifen, Kreischen häufig genauso erschreckend, wie ein "echtes" Alarmsignal von außerhalb des Gehörgangs klingen würde, was Betroffene und ihre Partner in ihrem Schlaf, aber auch während der Arbeit oder in jeder alltäglichen Unterhaltung massiv beeinträchtigen kann.

Der Versuch einer Einordnung nach Schweregrad erfolgt trotz der nicht vergleichbaren, individuellen Sinneseindrücke mehr nach der Dauer des Auftretens:

  • akuter Tinnitus: dauert bis zu drei Monate
  • subakuter Tinnitus: dritter bis sechster Monat der Wahrnehmung durch den Patienten
  • chronischer Tinnitus: ab dem sechsten Monat in Folge wird ein Tinnitus als chronisch (folglich "dauerhaft" im medizinischen Sinne) bezeichnet

Je nach Wahrnehmung der Betroffenen wird Tinnitus außerdem in folgende zwei Kategorien eingeteilt:

1.) subjektiver Tinnitus: Hier nimmt der Betroffene Geräusche wahr, die für seine Umgebung und andere Personen nicht hörbar sind.

2.) objektiver Tinnitus: Ohrgeräusche, die auch für außenstehende Personen hörbar sind.

Geräuschfrequenzen, die ermittelt wurden, lagen zwischen 1000 Hz und 8000 Hz.

Das Phänomen Tinnitus kann durch vielerlei Ursachen ausgelöst werden: Lärmschäden, Knalltrauma, Durchblutungsstörungen. Ein Hörsturz oder Halswirbelsäulenerkrankungen können ebenfalls Anstoß sein.

Sehr häufig tritt der Tinnitus zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, bei Männern wie Frauen gleichermaßen, auf. Jährlich erkranken ungefähr 340.000 Menschen in Deutschland neu an Tinnitus, schätzen die Fachverbände, davon 250.000 chronisch.

Der Gang zum HNO- (Hals-Nasen-Ohren)-Arzt ist für viele Betroffene der erste Schritt. Der Facharzt untersucht den Patienten eingehend (Ohrmikroskopie, Untersuchung des Blutflusses und der Gefäße, Impedanzmessung der Geräuschverarbeitung über die Gehörknöchelchen, Sprachtests) und betreibt anhand der Krankengeschichte (Anamnese), Ursachenforschung. Zahnbedingte Ursachen, eventuell vorliegende Fehlstellungen der Halswirbelsäule, ein Tumor, bestimmte Medikamente, internistische Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gilt es als auslösende Faktoren, auch fachrichtungsübergreifend, auszuschließen oder zu bestätigen. Hierbei wird natürlich auch der seelische Leidensdruck des Patienten (Stress, persönliches Umfeld) berücksichtigt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Therapie: Selbsthilfegruppen und die Deutsche Tinnitus-Liga sowie der Berufsverband der deutschen HNO-Ärzte bieten viele Informationen und Ansätze im Internet. Eine gesunde Lebensführung und ausreichende Entspannung zählen im Allttag auch dazu. Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) verspricht Hilfe. Ein "Weghören", ein "Sich-Ablenken" und "Geräusche-Überhören" kann der Patient üben, doch nicht immer hilft diese Technik im Akutfall. Eine Linderung des Leidens kann durch dieses "Umlernen" jedoch oft nach Monaten erreicht werden.

Zu den komplementären (begleitenden, ergänzenden) Therapie-Verfahren gehört die Tinnitus-Lasertherapie. Sie ist nebenwirkungsfrei und mit einem entsprechenden Gerät zuhause in einfachen Schritten selbst durchführbar.


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